Leseproben meiner Texte
Die Reemtsmas, 2007 (Vorwort)
Das Wirken der bedeutenden Fabrikantenfamilie setzte mit drei Brüdern als den eigentlichen Gründern der Firma ein: Hermann, Philipp und Alwin Reemtsma, die alle auch den zweiten Vornamen Fürchtegott trugen, wurden der Geburtsfolge entsprechend innerhalb von Familie und Betrieb ‚Eins’, ‚Zwei’ und ‚Drei’ genannt. Eine ungleiche, aber einflussreiche und zeitweise sogar mächtige Trias. Jahrzehnte nach der Gründergeneration, die mit dem Tod der Brüder Philipp und Hermann in den Jahren 1959 und 1961 abtrat, hat der Name einen anderen Klang erhalten. In ihm schwingt an erster Stelle vielstimmige Be- und Verwunderung wegen des Literatur- und Sozialwissenschaftlers Jan Philipp Reemtsma mit. Er erregte und erregt Aufsehen, nicht wegen der Leistungen ererbter Zigarettenbetriebe, – von denen trennte er sich mit Entschiedenheit als junger Mann –, sondern selbstgewählt als Autor und durch Förderung von Forschung und kritischer Aufklärungsarbeit. Der vom Erbe emanzipierte Reemtsma ging Ende der siebziger Jahre seiner Neigung nach, den eigenwilligen, von ihm verehrten Schriftsteller Arno Schmidt zu unterstützen.
[…] Reemtsma ist nicht gleich Reemtsma. Genauso wenig gibt es heute ein homogenes Selbstverständnis innerhalb der verzweigten Familie, deren Angehörige etwa als Landwirt, Ingenieur, Physiker, Pharmareferent, Volkswirt, Jurist, Ethnologe oder ganz einfach als aktive Stifter tätig sind. Zwischen den verschiedenen Linien der Reemtsmas ist eine gewisse Distanziertheit offenkundig. Es ist, als kreisten die heutigen Familienglieder Planeten gleich auf eigenen Umlaufbahnen um einen Fixstern, der ‚Reemtsma’ heißt. Die unterschiedlichen Milieus der Protagonisten in beruflicher wie privater Natur darzustellen und zu charakterisieren ist unter anderem möglich, weil drei Söhne der prägenden Generation – Hermann Hinrich Reemtsma, Jan Philipp Reemtsma und Jan Berend Reemtsma – mit dem Autor intensive Gespräche führten und zahlreiche Fragen beantworteten. Dabei wurde zum Teil eine langjährig kultivierte Zurückhaltung gegenüber der Biografie der eigenen Familie aufgegeben. Der älteste der Cousins sagte anfangs, geradezu entschuldigend: „Wir sind eine ausgesprochen schweigsame Familie“, und erzählte dann doch bereitwillig über fünf Stunden. Ohne die Offenlegung von privaten Dokumenten und Briefen, ohne den Hinweis auf Gesprächspartner aus dem beruflichen wie persönlichen Umfeld, wäre eine ganze Reihe von Aspekten und Themen nicht zu behandeln gewesen. Daher richtet sich der Dank des Autors an erster Stelle an die genannten Mitglieder der Familie.
Ernst von Siemens, 2015 (Einleitung)
Ernst von Siemens anlässlich seines 25. Todestags – dem 31. Dezember 2015 – zu porträtieren, ist eine lohnende Aufgabe. Schließlich war der am 9. April 1903 geborene jüngste Enkel des Firmengründers Werner von Siemens aufgrund seiner strategischen Weichenstellungen von großer Bedeutung für den Elektrokonzern in den Jahrzehnten des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Darüber hinaus hat dieser musische und kunstsinnig-sensible Spross der Familie auch als Mäzen Großartiges geleistet. Sein Name lebt durch zwei erstrangige Stiftungen fort, die bei der Förderung der Musik und der Künste starke Akzente setzen. Entsprechend groß ist die Bandbreite der mit Ernst von Siemens verbundenen Themen.
Für die Erarbeitung einer lebendigen Biografie bedarf es aussagekräftiger und verlässlicher Quellen, im Idealfall aus erster Hand. Mit der Vielfalt eben dieser Quellen steht und fällt die Farbigkeit der Ausführungen. Sorgfältig aufbereitete Unterlagen zu Ernst von Siemens‘ Wirken stellte das Siemens Historical Institute (SHI) zur Verfügung. Darüber hinaus gaben enge Mitarbeiter von einst und Verwandte bereitwillig Auskunft. Daher lässt sich vieles über ihn sagen. Doch wie steht es mit persönlichen Zeugnissen? Bedauerlicherweise hat Ernst von Siemens kaum autobiografische Aufzeichnungen hinterlassen. Zeitlebens hat er viel diskutiert und entschieden. Sein Wort hatte Gewicht, als Vorsitzender des Vorstands der beiden Siemens-Stammgesellschaften ebenso wie als Aufsichtsratsvorsitzender der 1966 auf sein Betreiben gegründeten Siemens AG. Niedergeschrieben hat er allerdings das wenigste. Abgesehen von Briefen gibt es kaum Aussagen zur eigenen Person oder zur Familie. Gerd Tacke, Siemens-Vorstandschef von 1968 bis 1971 und jahrzehntelanger Wegbegleiter, kommentierte diese schmale persönliche Überlieferung treffend mit den Worten: „Welcher Krieger macht sich schon Notizen?“
Gleichwohl ist es möglich, basierend auf persönlichen Dokumenten, Reden, Berichten, Firmenunterlagen und Schilderungen Ernst von Siemens‘ biografische Entwicklung und Persönlichkeit zu beschreiben. So ist diese LEBENSWEGE-Darstellung ein erster Beitrag zur Biografie des Mannes, der als letztes Familienmitglied an der Spitze des Hauses die Geschicke des weltweit tätigen Unternehmens Siemens steuerte. Seine Lebensspanne, 1903 bis 1990, lässt unschwer erahnen, dass sein Dasein nichts mit dem Dolce Vita anderer vermögender Erben zu tun hatte. Stattdessen war er im Rahmen seines Einsatzes für das Unternehmen wiederholt mit größten Herausforderungen konfrontiert. Die vielfältigen Hürden in all den Jahren hat er genommen – und dabei nie sich selbst und seine persönlichen Neigungen aus den Augen verloren. Das macht Ernst von Siemens zu einer Ausnahmeerscheinung unter den Führungskräften der Wirtschaft, die in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland von Bedeutung waren.
Wegen der Fülle des Erlebten war er ein besonderer „Zeuge des Jahrhunderts“, ein Mensch, der aus der untergegangenen Epoche der Kaiserzeit stammte und den Weg Deutschlands zwischen Ost und West an exponierter Stelle begleitete – bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. In der ersten Hälfte seines Lebens hatte die Familie Siemens noch maßgeblichen Einfluss auf das Elektrounternehmen. In der zweiten Hälfte verringerte sich dieser Einfluss Schritt für Schritt. Daher geht die Biografie Ernst von Siemens‘ mit außerordentlichen persönlichen Leistungen für das Haus und letztlich auch mit der Trennung vom Ererbten einher. Hierin liegt eine Ambivalenz, die dem Leben und Wirken des Porträtierten einen besonderen Akzent verleiht.