Vom Wert der Bilder eines Lebens
Jeder von uns hat in seinem Leben viel gesehen. Unsere Erinnerungen sind voller Bilder, die trotz vieler vergangener Jahre stechend scharf sein können. Diese tief eingeprägten Motive gelebten Lebens wirken unmittelbar: Sie rufen Freude und Begeisterung hervor, aber auch Demut, Scham und Schmerz. - Jeder von uns weiß, dass die eigene Biografie nicht gradlinig verläuft. Dass die Wege allzu oft mühsam und mäandernd sind, dass es uns alles abfordert, bis entscheidende Schritte getan und Ziele erreicht sind. Das Leben von Generationen einer Familie ist weitaus komplexer, als das eigene. Wer ihre Geschichte erspüren und übermitteln will, der arbeitet an einem großen Mosaik: Die eigenen Erinnerungen und die familiäre Überlieferung, die Dokumente und Fotos werden zusammengefügt, bis ein großes Gesamtbild entsteht. Stellenweise erscheint es holzschnittartig in Schwarz-Weiß, im Idealfall aber in opulenter Farbigkeit. Wer solch eine Aufgabe angeht, der macht sich verdient. Schließlich trägt sie oder er - ungeachtet der Subjektivität der eigenen Perspektive - für die Familie etwas zusammen, was allzu schnell unwiederbringlich in Vergessenheit geraten kann. - Die Bilder des Lebens von Generationen in einen ihnen angemessenen Rahmen nachvollziehbarer Zusammenhänge zu stellen, das ist ehrenwerte Arbeit zugunsten der Familiengeschichte. Wenn es gelingt, sie in attraktiver Form zu schreiben, fördert sie den Zusammenhalt in der Gegenwart und die Identifikation der Nachkommen.

Vom Wert der Dinge eines Lebens
Der Wert und die Bedeutung eines Kunstwerks entstehen durch seine Aura, durch seine Anziehung, durch den Namen seines Schöpfers und durch den von Marktmechanismen festgelegten Preis. Dagegen ist der Wert eines Gegenstands, der tief mit dem eigenen Leben verbunden ist, vollends individuell. Er ist nicht mit Geld aufzuwerten. Wenn Dingen eine besondere Bedeutung innewohnt, so dass sie zu geschätzten Erinnerungsstücken wurden, dann liegt ihr Wert allein im emotionalen Bewusstsein des Besitzers. Ein Jeder von uns nennt Dinge sein Eigen, die für ihn Herausragendes bedeuten. Sie mögen materiell betrachtet meist kaum von Belang sein. Gleichwohl haben sie für den Einzelnen unschätzbaren Wert, wenn sie fest zum Schatz der Erinnerungen gehören, die sich durch unser Leben ziehen. – Das Hochzeitsfoto der Großeltern oder der Familienschmuck, das Geschenk eines innig geliebten Menschen oder die Brautschuhe, das abgenutzte Küchenmesser der Mutter oder das geschliffene Lieblingsglas des Vaters, die Wettkampfmedaille oder das Meisterstück… Diese so geschätzten Dinge sprechen nur selten für sich. Sie müssen erklärt und in Beziehung gesetzt werden. Tun wir es, indem wir über die Menschen und die Momente sprechen, mit denen sie für uns dank unserer Erinnerung verbunden sind, dann entsteht daraus ein Stoff, der unserer Biografie wertvolle Struktur verleiht. Wer vom Wert der Dinge seines Lebens zu berichten imstande ist, bereichert seine Angehörigen und Nachfahren.
Vom Wert der Geschichten eines Lebens
Häufig ist es so, dass unsere Nächsten – die Frau, der Mann, die Kinder – und die guten Freunde sie längst kennen: Die gerne erzählten Geschichten und Anekdoten des eigenen Lebens. Einige reagieren milde und hören ein weiteres Mal zu. Andere wehren ab, weil sie schon über Gebühr in den Genuss kamen... Wenn wir erzählen, sei es über die Kindheit und das Elternhaus, über die große Liebe und den Berufsweg, über die Erfolge oder das Scheitern, über Freude und über Leid, dann können wir selbst Vielfältiges dabei erleben: Etwa Reflektion des eigenen Verhaltens und wesentlicher Entscheidungen, empathische Nähe und begründete Distanzierung, erfrischende Lernkurven und sogar neue Hoffnungen. Wer uns zuhört, der kann dabei nicht nur Neues über den Erzählenden lernen. Er kann auch viel über den Wesenskern seiner Familie erfahren, sei es über ihre charakteristischen Qualitäten oder über ihre Untiefen. – Je älter wir werden, desto eigentümlicher erscheinen den Jüngeren unsere Erlebnisse. Dennoch, die Erzählung über Generationen hinweg ist von Wert, weil sie authentisch ist. Wir sind eine einmalige Quelle, das Verbindungsglied zwischen den Digital Natives und der Vergangenheit, die aus gutem Grund nicht vergehen soll. Der Publizist und Ökonom Noach Flug sagte: „Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig […]. Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder für beendet zu erklären.“ – Dies kann uns zum Erzählen und Schreiben ermutigen. Schildern wir die eigene Biografie und die der Familie, dann geht es nicht darum, unmittelbaren Beifall auszulösen. Sind wir – besonders, was die eigene Person angeht – offen, ehrlich und selbstkritisch, dann öffnen wir unseren Lesern in der Familie und darüber hinaus die Tür zu neuen Räumen der Erkenntnis. Diese Räume sind voller Menschen. Ihr Handeln schriftlich festzuhalten, hilft dabei zu verstehen, wie wir wurden, wer wir sind.